Spannungsbögen und Starke Bilder - Filmaufbau

    • Spannungsbögen und Starke Bilder - Filmaufbau

      Halo Zusammen,

      oftmals haben wir ja hier darüber diskutiert wie ein Film interessant gemacht werden kann. Gerade eben bin ich über ein Beispiel einer Reportage gestoßen die das recht schön zeigt.

      Die Reportage: Die Wintercamper. Eine Reportage des NDR.



      Ich finde das sich anhand dieser Reportage viele Dinge sehr schön zeigen lassen:

      Filmanfang mit starken Bildern - Frau duscht bei Minus 12 Grad im Freien. Ungewöhnliche, starke Bilder am Anfang. Und erst danach der Titel. Nicht unbedingt "stark" vom Bildausdruck, sondern von der Geschichte her. Im Film findet sich eine Art "Heldenreise" einiger Protagonisten - der Kampf mit dem Winter und einfrierenden Wasserleitungen. Immer wieder Spannungsbögen, kleine und größere. Einer davon ist der Wunsch einer Protagonistin nach einem neuen Herd. Vorher haben wir im Film mitbekommen das sie darauf lange sparen muss. Wird sie es schaffen sich einen neuen Herd zu leisten - diese Frage bleibt dadurch eine ganze Zeit lang im Film offen. Gegen ziemlich dem Ende des Filmes sehen wir dann dass sie es geschafft hat, der Nachbar bringt den neuen Herd. Die Bilder zeigen ihre Gefühle, ihre Freude - durch Nahaufnahmen. Das ist dann quasi noch mal ein richtiger "Höhepunkt" gegen Ende des Filmes. Danach geht der Film zwar immer noch weiter, aber eben positiv - er endet mit einem fröhlichen Tänzchen der Protagonistin mit einem Nachbarn der gerade erfolgreich eine Jukebox wiederbelebt hat.

      Dazu kommen verschiedene ineinander verwobene Geschichten und Erzählstränge - es gibt zwei Haupt-Protagonistinnen an die sich der Film quasi "hängt" - und einige Neben-Protagonisten die laufend wechseln. Es werden immer zwei Geschichten paralell "erzählt" - die beiden Geschichten der beiden Haupt-Protagonisten.

      Manche dieser Tipps kann man sich auch für eigene Filme herausnehmen - der Anfang mit starken Bildern. Oder zwei Geschichten quasi paralell zu erzählen. Oder das mit den Spannungsbögen. So was lässt sich ggf. auch in eigenen Filmen verarbeiten. Denn in die lage etwas aus quasi "Reportagesicht" filmisch zu begleiten kommt man immer wieder mal - und sei es "nur" der Kindergeburtstag oder ein Vereinsfest. Wenn der eigene Sportverein ein Vereinsfest feiert oder ähnliches bietet sich an daraus eine art Reportage zu machen, eine Heldenreise wo einoder mehrere "Helden" sich ebweisen müssen - nämlich die welche das Fest organisieren. Oder bei sportlichen Wettkämpfen ein Sportler der sich darauf vorberetet. Es gibt da genug Themen die man als Hobbyfilmer filmisch in der Art einer solchen Reportage aufbereiten und interessant zwigen kann.....

      Ich habe übrigens mit dem Film der hier gezeigt wird nichts zu tun - habe ihn nur zufällig im Internet entdeckt und fand ihn ideal um einige "Strickmuster" zu zeigen wie man einen interessanten Film machen kann ;)
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    • MacMedia schrieb:

      Manche dieser Tipps kann man sich auch für eigene Filme herausnehmen

      .......Ja, endlich ein guter Tipp zur Finanzierung unserer Filmerei, und damit zur unendlichen Qualitätssteigerung.....700 Stellplätze, davon müssten nur 20 % belegt sein um
      28.000 € monatliche Erlöse zu generieren, wenn ich da richtig gerechnet habe......Sorry für diese sarkastische Bemerkung; dieser Fakt hat sich als Primärinfo bei mir eingeprägt. :)

      Mal ab von diesem Exkurs: Vielen Dank für die Mühe die du dir immer mit der Kritik unserer Videos machst und die Hinweise die uns, nicht nur von dir, hier mundgerecht serviert werden um unsere Weiterentwicklung zu fördern!......Auch bei diesem Film gibt es wider etwas zu lernen, wir müssen es nun für uns abspeichern und auch konsequent anwenden.

      Im übrigen macht das Forum durch die rege Tätigkeit seiner User momentan viel Spass! :)
      viele Grüße: Burkhard
    • rico77 schrieb:


      .......Ja, endlich ein guter Tipp zur Finanzierung unserer Filmerei, und damit zur unendlichen Qualitätssteigerung.....700 Stellplätze, davon müssten nur 20 % belegt sein um
      28.000 € monatliche Erlöse zu generieren......Sorry für diese sarkastische Bemerkung; dieser Fakt hat sich als Primärinfo bei mir eingeprägt. :)


      Immer nur Geld, Geld, Geld..... :D

      Wobei man sicherlich feststellen darf das ein campingplatz in der Größenordnung von 700 Stellplätzen einen ganz schönen monatlichen Umsatz genereiert. Wenn ich mir überlege das man tlw. pro Nacht als Nicht-Dauercamper um die 15-25€ für zwei Personen zahlt - auf manchen Plätzen auch mal bis zu 50€/Nacht - die zeiten wo Camping billig war ist lange vorbei....so zumindest mein Eindruck als Wohnmobilfahrer....
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    • Das ist keine Antarktisreise, nix spektakuläres. Camper, oh Gott, wie piefig. Ich will trotzdem auf einen Punkt hinweisen, der ein scheinbar langweiliges Thema wie Camper spannend hält. MacMedia hat ja schon auf die starken Bilder zum Einstieg des Filmes hingewiesen, die neugierig machen.

      Wichtig für diesen Film ist die Hauptperson, die Protagoniostin: Marion Mayer, die bei minus 15 Grad draußen duscht. Der Film fängt nicht, wie bei uns Amateuren oft üblich, mit einem Panorama über den Zeltplatz, dann einigen Wohnwagen, an. Er steigt direkt mit einem Mensch, mit Marion ein. Denn Menschen finden Menschen am spannendsten, nicht Wohnwagen oder Sonnenuntergänge.

      Das Besondere an Marion ist nicht nur, dass sie in der Saukälte draußen duscht. Sie ist die perfekte Hauptdarstellering, das Herz des Filmes, da sie:
      • einzigartig und unverwechselbar ist - Einzigartigkeit* <- macht den Zuschauer neugierig
      • den Willen hat, trotz ihrer schwierigen Situation sich nicht unterkriegen zu lassen - starkes Verlangen* <- deshalb mag man sie, oder hasst sie
      • sie im Vergleich zu den anderen eine vielschichtige Person ist, mit einer komplexen Vergangenheit - Vielschichtigkeit, Komplexität* <- das hält uns in der Geschichte, wir wollen wissen, wie es ausgeht.
      Diese drei Merkmale lassen sie zu der perfekten Hauptperson des Filmes werden, sie trägt die Geschichte.

      * Es sind MUSE-Kategorien aus deren Projekt Stortytelling (Geschichtenerzählen), nur ein kleiner Teil des Programms.

      Einzigartigkeit: Bei Marion ist das Geld knapp, sie findet außergewöhnliche Lösungen für ihr Problem: draußen duschen, läuft eine Stunde zur Arbeit, mit Hund.

      Verlangen: Marion will selbstständig unb selbstbestimmt bleiben. Z. B.: Ein Mann ja, aber nicht, um ihm die Pantoffeln hinterher zu tragen. Da scheint es Brüche in ihrer Vergangenheit zu geben, das spürt man. Sie will auch etwas besser leben, nach der Abzahlung des Wohnwagens ist ein Herd ihr nächsten Ziel, den sie am Ende des Filmes auch bekommt (Spannungsbogen)

      Vielschichtigkeit, Komplexität: Marion ist ein Jahr durch Australien getrampt, sie zieht ja auch immer die australische Flagge hoch, was ein Zeichen im doppelten Sinne ist. Da hat der Regisseur leider nicht nachgehakt, warum genau sie da macht. Wie oben geschrieben, Marion findet unkonverntionelle Lösungen für ihre Probleme. Sie lädt die Nachbarn ein, Kaffeekranz, Abendparty bei minus 10 Grad. Der Film steigt mit dem Kauf des Herdes, ihr nächsten größeres Projekt, aus.

      Hätte der Regisseur Ingo und Petra (15:20) als Hauptfiguren gewählt, dann hätten zwei Minuten Film gereicht. Sie sind voll im Beruf, haben sich ein komfortables Häuschen gekauft und sind zufrieden. Was für sie toll ist, aber keinen Zuschauer im Film hält. Zeigt man dem Publikum erwartbares, dann ist es weg. Denn weshalb soll es sich was ansehen, das es eh schon kennt?

      Beste Grüße, Uli