Anamorphe Objektive - Sammelthread

  • Das Thema ist hier im Forum offenbar nicht wirklich relevant, aber ich kann ja mal einen Sammelthread machen, da es nicht soooo viele Veröffentlichungen gibt.


    Sirui, die bereits für APS-C (MFT etc.) anamorphe Objektive mit Faktor 1,33 zu humanen Preisen herausgebracht haben, wagt sich nun in den Vollformatbereich. Aktuell gibt es eine Kickstarter Kampagne für ein 50mm T2.9 anamorphes Vollformat mit Faktor 1,6. Auch mit zeitgemäßen Bajonetten wie L-Mount ohne Adaptergefummel. Gerade die S1H hat anamorph jede Menge zu bieten und bisher sah es da mit nativen Objektiven richtig dünne aus.


    Der Kickstarter Preis von 1199 Dollar (vermutlich 1399 Dollar für Normalkäufer) ist auf den ersten Blick eine Ansage wenn man mit Vazen (50mm 8.000 Euro) oder mit Atlas Orion (50mm 9.000 Euro) vergleicht. Aber ich denk mal die sind technisch nicht vergleichbar. Immerhin kommt aber scheinbar Bewegung in den Vollformat Bereich, auch eine Firma namens "Great Joy" macht derzeit Kickstarter für ein anamorphes FF 60mm T2.9 mit Faktor 1.33 (mittels Adapter auf Faktor 1.8 erweiterbar) und einem fast unglaublichen Preis von 750 Dollar. Noch dazu ist das Objektiv von der Größe her mit den Vazen/Atlas Teilen vergleichbar und daher nicht für run&gun Shots brauchbar.


    Das 50mm Sirui APS-C hatte ich mal für die GH5, war aber nicht so meins. Der Look des Bildmaterials ist einfach nicht wirklich schön in meinen Augen. Blaue Flares sind eben nicht die Definition von "anamorph". Es wirkte einfach viel zu sehr digital, zu scharf, zu neumodisch, nicht Kino like. Auch die ersten Bildeindrücke vom Vollformater sehen nicht "besser" aus, die Flares sind mittlerweile sogar übertrieben und gehen ins störende über. Fast möchte man nachts Situationen wie Autolichter beim filmen vermeiden. Das Great Joy gefällt mir da schon viel besser vom optischen Output, auch die Flares viel dezenter wie sie sein sollen, praktisch kinolike, ist aber ein Klopper an Objektiv. Trotzdem kann ich mir das auch angesichts des Preises für meine S1H vorstellen.


    Nun aber alles in bewegten Bildern:


    Great Joy 60mm Vollformat

    https://youtu.be/rFRqP0lZExk


    Sirui 50mm Vollformat

    https://youtu.be/8p6lW0DiD3Y

  • Das Sirui 50mm T2.9 ist nun veröffentlicht und viele Indiegogo Unterstützer haben das Objektiv bekommen. Zum Teil gibt es das Objektiv auch schon im Einzelhandel für 1.499 Euro. Und jede Menge Videos bei Youtube. Preislich natürlich auf den ersten Blick ein Kracher, die nächsten anamorphen Vollformatobjektive beginnen bei 9.000 Euro. Pro Stück. Auf den zweiten und dritten Blick kommt dann die Ernüchterung.


    Im Vergleich zum Pre-Production Modell scheint Sirui die Flares ein wenig entschärft zu haben, trotzdem ist es immer noch zu viel, wohl eine Anbiederung an den anamorphen Hobbyfilmer, der wie man in den Kommentaren liest vor allem die Flares immer begeistert lobt. Also gibt man ihm die volle Kanne. Dabei produziert das Objekt dann auch hässliche Bildfehler, die ganze Szenen zerstören.


    [Blockierte Grafik: https://abload.de/img/sirui_1dkk5g.png]


    Screenshot stammt aus dem einzigen Video Review was die Mängel deutlich anspricht. Tito von "Anamorphic on Budget". Den spherical Normallook hatte ich ja bereits im 1. Posting angesprochen. Es sieht überhaupt nicht nach anamorph aus, das Bokeh ist stinknormal und nicht mal besonders, da hat ein 50 Euro Helios 58mm ein um Längen besseres Bokeh, die Flares schlicht zu viel, zu präsent und Bildfehler erzeugend. Die Linse ansonsten viel zu scharf für einen cineastischen Look. Das größte Problem dagegen was auch schon die MFT Versionen aufgrund ihres besonderen Fokusmechanismus haben ist, dass je nach Schärfeebene der Squeeze sich ändert. Damit ist das Objektiv für ernsthaftes filmen praktisch erledigt. Auf Infinity Focus hat das Objektiv den beworbenen 1.6 Squeeze, auf 75cm Entfernung plötzlich nur 1.51. Folge...man kann sich aussuchen welche gefilmten Szenen in der Post Production beim Desqueeze fehlproportioniert werden. Die mit IF oder die Close-ups. Die Umgehungskrücke einfach in der Post 1.55 für alles zu nehmen, hilft auch nicht wirklich weiter. Gerade bei Close-ups mit Gesichtern fällt auch dieser falsche Desqueeze auf, weil das Gesicht zu oval oder zu breit ist.


    Wer "Don't look up" bei Netflix gesehen hat, sieht den Unterschied. Auch und vor allem was die Flares angeht. Gedreht wurde der Film mit den anamorphen Atlas Orion Objektiven. Das 6er Set hätte ich gern ;), 49.000 Euro sind mir aber bisschen zu viel. In den 2 1/2 Stunden sieht man weniger und sanftere Flares als in allen 60-90s Filmchen auf Youtube mit den Sirui Dingern. Das zeigt gut worauf es den Sirui Käufern ankommt und Sirui hat geliefert. Weil ohne die Flares bliebe sonst nur ein arschteures Normalobjektiv.


    Offensichtlich kann man für so wenig Geld keine guten anamorphen Vollformatobjektive konstruieren. Für den Hobbyfilmer der Opa sGeburtstag anamorph filmen will mag das reichen. Mehr nicht.


    Das Great Joy ist noch in der Endphase der Crowdfundingkampagne. Der optische Output gefällt mir zwar und ist schon deutlich mehr an dem Look der 9.000 Euro Objektive, allerdings gibt es da auch schon schlechte Aussichten. Der normale Objektiv hat nur einen 1.33 Squeeze. Normal wären 2.0. Mittels eines Adapters von Great Joy, der übrigens wie der von SLR Magic bei anderen Objektiven verwendet werden kann, bekommt man zwar einen guten 1.8 Squeeze, allerdings ist der "Vorbau" mit Objektiv und Adapter satte 1,8kg schwer und da der wichtige Single Focus bei so einer Kombi nur am Adapter funktioniert, sind von der Griffhaltung her run&gun Shots eigentlich nicht möglich, auch vom Gewicht her. Consumer Gimbals werden sich mit dem Vorbau nicht ausbalancieren lassen. Also eher eine Stativ/Dolly Lösung.