Warum fühlen sich viele Reisefilme an wie eine Geographiestunde am Montagmorgen? Weil wir den Zuschauer wie einen Touristen behandeln, nicht wie einen Gast.
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Vorbemerkung: Ich beziehe mich bei den Beispielen auf Bertholds (befe) Film „Roadmovie“ Diskussion HIER
Mein Vorschläge gehen von einem Zuschauer aus, der weder Berthold noch die Reise kennt. Also kein Forumsmitglied, der guckt, weil er wissen, was Berthold gemacht hat. Oder ein Mitreisender, der ein paar Bilder braucht, um seinen eigenen Film im Kopf ablaufen zu lassen.
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Meine steile These: Fakten ohne Emotionen sind Ballast. Fakten eingebettet in eine Geschichte sind ein Anker.
Dramatischer: Wenn ein Voice Over Text nur reine Fakten aufzählt und ansonsten das „erklärt“, was man ohnehin im Bild sieht, dann ist das ein Klotz am Bein des Zuschauers. So macht man ihn zum Touristen, der passiv aus dem Busfenster starrt.
Beispiel zu Fakt: Erhöht man den Fakt „150 Kilometer weiter südlich wird Kakao angebaut“ um 50 % und sagt: „225 Kilometer weiter südlich wird Kakao angebaut“, dann reagieren vermutlich 90 % der Zuschauer nicht darauf.
Ihr könnt das anhand eurer Filme testen: Erhöht oder erniedrigt faktische Zahlen oder allgemeine Größen- oder Mengenangaben um 50 %. Die wenigsten Zuschauer würden das bemerkenswert finden. Die Daten sagen ihnen meist nichts, denn sie sind viel zu weit weg vom eigenen Erleben.
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Vorschlag: Emotionen machen Fakten „erlebbar“, binden den Zuschauer
Um den Zuschauern die Fakten begreiflich zu machen, muss man Nähe erzeugen.
Drastischer: Du willst keine Distanz schaffen („Schau mal, wie exotisch Kolumbien ist“), sondern du willst die Grenzen im Kopf einreißen. Du willst, dass der Zuschauer den Schweiß der Fischer riecht und die Bitterkeit des Kakaos auf der Zunge spürt.
Um diese Nähe und Direktheit zu erzeugen sage ich per Voice Over nicht WAS ich im Film zeige, sondern WARUM ich es zeige.
„Das WAS ist: ‚Hier ist eine Brücke in Honda.‘ Das WARUM ist: ‚Diese Brücke war früher das Tor zum Gold des Landes – heute ist sie ein Weg in die Stille.‘
Die Verschiebung von der reinen Beschreibung WAS sehe ich zur Frage, WARUM zum Teufel zeige ich das eigentlich? bringt dem Zuschauer den Film näher. Dem Zuschauer wird erfahrbar gemacht, wie es sich anfühlt den Rio Magdalena zu befahren.
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BEISPIELE
ACHTUNG: Es geht mir nicht um genau diese Texte, die ich zur Demonstration ein wenig „farbiger“ gemacht habe. Kein Mensch soll das so wörtlich übernehmen. Ich will damit lediglich die Vorgehensweise Fakten durch Emotionen vermitteln zeigen. Jeder muss seine Texte aus seinem Erleben formulieren!
Szene: Kakaobohnen / Rösten
„Roadmovie“:
6:10 - „150 Kilometer weiter südlich wird Kakao angebaut. Über Anbau und Verarbeitung erfahren wir viel interessantes. … Die kleine Produzenten machen dann alles mit der Hand. Größere Produzenten von Kakao haben natürlich Geräte. … Wenn wir ein Schote aufmachen, dann holen sie die Kakaobohnen heraus. Vor der Röstung und nach der Röstung. Das andere kann man beißen, aber…“
Vorschlag:
„In den Bergen von Tolima beginnt eine Geschichte, die wir in Europa meist erst am Ende kennen. 95 Prozent des kolumbianischen Kakaos stammen von kleinen Farmen wie dieser. Es ist Handarbeit, die gegen die Anonymität des Weltmarkts steht. Bevor die Bohne zur süßen Versuchung wird, ist sie eine bittere Ernte - und ich merke, wenn ich die Schokolade später im Supermarkt kaufe, habe ich keine Ahnung, wie viel Schweiß in dieser einen Bohne steckt.“
Szene: Ankunft in Honda / Brücken
„Roadmovie“:
7:07 - "Märkte, wie hier im Örtchen Honda, bieten viele Früchte, die uns völlig unbekannt sind. Schaut euch das an. Kann man mit dem Löffel rauslöffeln…"
Vorschlag:
„Wir erreichen Honda. Man nennt sie die Stadt der Brücken – mehr als 40 davon spannen sich über das Wasser. Einst war dieser Ort der strategische Knotenpunkt, an dem die Reichtümer des Landes auf die Schiffe umgeladen wurden. Heute ist Honda ein ‚Pueblo Patrimonio‘, ein geschütztes Erbe. Aber hinter den prächtigen Fassaden der Kolonialzeit stellt sich mir die Frage: Wie viel Zukunft verträgt so viel Vergangenheit?“
Szene: Fischer mit Wurfnetz
„Roadmovie“:
8:47 - „Ein Fischer zeigt uns die traditionelle Technik des Fischfangs mit Wurfnetzen“
Vorschlag:
„Die Fischer von Honda bewahren NOCH ein Handwerk, das so alt ist wie der Fluss selbst. Es sieht toll aus im Sucher meiner Kamera. Aber für den Fischer ist es kein Kunstwerk, sondern die einzige Chance, heute Abend den Teller voll zu kriege. Doch, die Fischbestände sinken, das Ökosystem steht unter Druck. Das Wurfnetz ist kein Souvenir – es ist das letzte Werkzeug einer bedrohten Lebensgrundlage. Der Fischer wird vielleicht satt, aber kaum von seinem Fang leben können, wovon dann?“
Szene: Gruppenfoto / „Es wird gefilmt
„Roadmovie“
9:34 - „Und endlich gibt es ein Gruppenfoto. Aber das ist Film. Es wird gefilmt.“
Vorschlag:
„Wir machen ein Foto. Wir dokumentieren unsere Anwesenheit in einer Welt, die uns eigentlich fremd ist. Aber indem wir filmen, indem wir hinschauen, fangen wir an, die Grenzen in unseren Köpfen aufzulösen. Kolumbien ist nicht weit weg. Es ist genau hier, in diesem Moment der Begegnung. Und das ist keine Information aus dem Lexikon – das ist der Kern unserer Reise.“
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Zusammenfassung:
Die Fakten sind das als Fundament: Die „95% Kleinfarmen“, die „70% BIP“, die „40 Brücken“ sind drin. Aber sie fühlen sich nicht als Lern-Beispiele an. Sie geben dem Zuschauer die nötige Erdung, ohne den poetischen Fluss zu unterbrechen.
Von Fakten zum Fühlen: Ich erkläre nicht nur, dass Honda ein „Pueblo Patrimonio“ ist, ich frage, was das für die Menschen bedeutet. Das ist der Sprung vom Touristen zum Architekten der eigenen Perspektive.
Die Brücke nach Europa: Indem wir den Kontrast zwischen „unserem Supermarkt“ und der „bitteren Ernte“ holen wir den europäischen Zuschauer dort ab, wo er steht.
Vielleicht ist einigen aufgefallen, dass ich wieder mit Widerspruchspaaren gearbeitet habe. Wenn’s interessiert, kann ich kurz beschreiben, wie ich da vorgegangen bin.
Beste Grüße, Uli